Erst wenige Jahre ist es her, da erschütterte das Lexikon der populären Irrtümer unser Weltbild mit Enthüllungen, wie: Spinat enthält weniger Eisen als Schokolade, durch Lesen im Dunkeln kann man sich niemals die Augen verderben, Fast Food ist nicht ungesund, der Sturm auf die Bastille hat nie stattgefunden. Jetzt haben dieselben Autoren ein neues Lexikon vorgelegt, und diesmal geht es uns an die Sprache.
Sprache wandelt sich, unverständliche Wörter werden umgedeutet (der Fachbegriff dafür ist "Volksetymologie"), alte Bedeutungen gehen verloren und machen neuen Platz -- Sprache ist eben keine Mathematik und daher nicht immer logisch zu erschließen. Und so kommt es, dass unsere Sprache viel Merkwürdiges, Witziges, Verblüffendes und auch in die Irre Führendes enthält. So ist die Walnuss keine Nuss, die Erdbeere keine Beere, die Kaffeebohne keine Bohne, die Hebamme keine Amme etc.
In sechs großen Kapiteln -- von "Essen und Trinken" bis "Wirtschaft und Gesellschaft" -- haben Krämer und Sauer solche Merkwürdigkeiten versammelt, jeweils mit einer kurzen Erläuterung, manchmal auch mit einem Zitat, das das auf dem Prüfstein stehende Wort enthält. Auch wenn Sie schon wissen, dass Baumwolle nicht auf Bäumen wächst und dass Nilpferde keineswegs Pferde, sondern Schweine sind, wird dieses Buch Sie wieder und wieder überraschen können. Denn die Hängematte hat sprachlich weder mit "hängen" noch mit "Matte" zu tun, Kümmeltürken kommen eigentlich aus Halle an der Saale oder Jena, das Weißbrot ist im Grunde ein "Weizenbrot", der Rosenmontag hat nichts mit Blumen, sondern mit "rasen" zu tun. Aber das lesen Sie am besten alles selbst nach! --Gabi Neumayer
Ein Lobgesang dem Register. Selten ist es so hilfreich wie bei diesem 590 Seiten starken Buch, wo es einen schnellen Überblick über die Häufung von Irrtümern und Missverständnissen in der Welt des Geistes bietet: Eine erstaunlich klare Topografie -- in der Diktion des Bandes -- nicht des Terrors, sondern des errors. Die Kulturgeschichte der Mißverständnisse hält sich bei Theodor W. Adorno auf, der Bibel, bei Johann Wolfgang v. Goethe -- wen wunderts, bei Hitler und Richard Wagner, schließlich bei Friedrich Schiller, wobei man erkennt, dass auch bei Schiffer, Claudia (eine Zeile über Schiller) immerhin drei Missverständnisse vorliegen. Eines davon ist beispielsweise die Idee, Schiffer sei die neue Brigitte Bardot; ein zweites ist ihr dümmliches Kleinreden der deutschen Fremdenfeindlichkeit. Merkwürdigerweise findet es sich nach der Aufklärung darüber, warum die erste Birne, der Bürgerkönig Napoleon, Napoleon III. hieß, wo er doch der zweite Napoleon auf dem Thron war. Schuld ist offenbar dem Drucker zu geben, der die drei Ausrufezeichen von "Vive Napoléon !!!" im allenthalben verbreiteten Aufruf zum Staatsstreich als lateinische Drei gelesen hatte.
Doch das ist, man ahnt es schon, einer der harmloseren Irrtümer. Und selbstverständlich handelt es sich bei der Kulturgeschichte nicht um ein Buch der Herren Henscheid und Henschel -- mit dem ungewöhnlichen Beistand der Schriftstellerin Brigitte Kronauer -- wäre das Missverständnis nicht Anlass, herzhaft über die Missverstehenden herzufallen. Was immer man glaubt, seinen Lieblingsfeinden und seinen Lieblingsfeindmedien anhängen zu dürfen: Hier findet sich noch mehr und noch infameres Material, die Wette sei gewagt. Wer würde schon glauben, dass Jürgen Habermas der FAZ in einem Leserbrief vorwarf, sie wolle ausgerechnet mit Hilfe Eckhard Henscheids "Deutschland deutscher" machen? Und so findet mancher Leser seine Geistesheroen hier durchaus demontiert. Ein aufregendes Buch also, die Kulturgeschichte der Mißverständnisse, die auch -- in Nachfolge Gustave Flauberts -- ein neues Wörterbuch der Gemeinplätze (des aktuellen Journalismus) ist. --Brigitte Werneburg